"Stadt - Land - Meer" - eine Lesereihe

Stadt – Land – Meer

 

Aufhänger für unsere Lesereihe (oder Lesereise?) ist – ganz wortwörtlich - eine Fotoausstellung von Yvonne Andrä und Stefan Petermann, die am 1. Oktober 2021 im Gewölbekeller der Stadtbücherei eröffnet wird. Ihr Titel lautet „Jenseits der Perlenkette - Geschichten aus den kleinsten Dörfern Thüringens“. Alle Lesungen finden im Gewölbekeller der Stadtbücherei statt – dort ist die Fotoausstellung immer präsent. Mit dem Land vor Augen reisen wir literarisch von der Provinz in die Stadt und weiter ans Meer. Neben Stadt- und Landgeschichten geht es auch um die Beschreibung unserer inneren Städte und Landschaften und der immerwährenden Suche nach dem Daheim.

 

Das Projekt wurde gefördert im Rahmen von „Neustart Kultur“ der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch den Deutschen Literaturfonds e.V.

 

 

Landolf Scherzer ist einer der großen Reporter des deutschen Ostens. Er berichtete aus China und Kuba, aus der lebendigen wie der sterbenden Sowjetunion, aus Tschernobyl und Griechenland. Er wanderte am ehemaligen deutschen Todesstreifen entlang, porträtierte Menschen auf beiden Seiten und ging zu Fuß durch Europas Südosten. Ein störrischer Querfeldeinläufer und ein sturer Romantiker, der die Welt durchwanderte, ein Reisender im Weltall der Provinzen, die er seinen Leserinnen und Lesern nahebrachte wie kein anderer. Nun stellt er sich dem Journalisten Hans-Dieter Schütt für ein großes autobiographisches Gespräch.

 

 

Aufgefädelt wie auf einer Perlenkette liegen die großen Städte Thüringens Gera, Jena, Weimar, Erfurt und Eisenach. Jenseits davon befinden sich die kleinsten Orte Thüringens, die trotz zweistelliger Einwohnerzahlen immer noch eigenständig verwaltet werden und einen eigenen Bürgermeister besitzen. Yvonne Andrä und Stefan Petermann bereisten zehn dieser Orte - von denen es leider immer weniger gibt - hörten zu, schauten hin, fotografierten und filmten die Menschen, die noch in diesen Dörfern leben, und schrieben ihre Geschichten auf. Es entstanden literarische Annäherungen, die weder Landlustidylle noch Provinzhölle beschreiben, sondern das Leben im Kleinen einfangen.

 

 

Lukas Rietzschel gilt als einer der wichtigsten jungen Autoren aus dem Osten. Sein Debüt ›Mit der Faust in die Welt schlagen‹ (2018) wurde zu einem großen Erfolg, der auch seinen Weg ins Theater fand. In seinem neuen Roman „Raumfahrer“ zeichnet der Autor behutsam und voller Empathie ein eindrückliches Bild von Menschen, die durch große gesellschaftliche und politische Veränderungen geprägt sind - und von Verletzungen, die sich durch Generationen hindurchziehen und scheinbar nie verheilen. »Vor allem aber brennen sich die Worte ein, die er findet, um die Gemälde von Georg Baselitz zu beschreiben: Sie machen ein Verlorengehen in der Geschichte fühlbar.« (kulturnews.de, Buch der Woche 27.07.2021)

 

 

Anke Stelling seziert das Berliner Selbstverwirklichungs­milieu mit einer Wut, die selten ist in der Gegenwartsliteratur (Süddeutsche Zeitung, 29. November 2018). Resi hätte wissen können, dass ein Untermietverhältnis unter Freunden nicht die sicherste Wohnform darstellt, denn: Freundschaft hört bekanntlich beim Geld auf. Und Resi hätte wissen können, dass spätestens mit der Familiengründung der erbfähige Teil der Clique abbiegt Richtung Eigenheim und Abschottung und sie als Aufsteigerkind zusehen muss, wie sie da mithält. In der Hand hält sie die Kündigung ihrer Wohnung. Altbau in der Berliner Innenstadt, ein 18 Jahre alter Mietvertrag. "Schäfchen im Trockenen" erzählt vom Herausfallen aus diesem Milieu.

 

 

Judith Hermann erzählt in ihrem neuen Roman "Daheim" von einer Frau, die Widerstandskraft entwickelt und in der intensiven Landschaft an der Küste eine andere wird. Sie erzählt von der Erinnerung. Und von der Geschichte des Augenblicks, in dem das Leben sich teilt, eine alte Welt verlorengeht und eine neue entsteht. Die Frau hat ihr früheres Leben hinter sich gelassen, ist ans Meer gezogen, in ein Haus für sich. Ihrem Exmann schreibt sie kleine Briefe, in denen sie erzählt, wie es ihr geht, in diesem neuen Leben im Norden. Sie schließt vorsichtige Freundschaften, versucht eine Affaire, fragt sich, ob sie heimisch werden könnte oder ob sie weiterziehen soll.

 

 

Industrieschnee markiert die Grenzen des Orts, eine feine Säure liegt in der Luft, und hinter der Werksbrücke rauschen die Fertigungshallen, wo der Vater tagein, tagaus Aluminiumbleche beizt. Hier ist die Ich-Erzählerin aufgewachsen, hierher kommt sie zurück, als ihre Kindheitsfreunde heiraten. Deniz Ohde erkundet in ihrem Debütroman die feinen Unterschiede in unserer Gesellschaft. Satz für Satz spürt sie den Sollbruchstellen im Leben der Erzählerin nach, den Zuschreibungen und Erwartungen an sie als Arbeiterkind, der Kluft zwischen Bildungsversprechen und erfahrener Ungleichheit, der verinnerlichten Abwertung und dem Versuch, sich davon zu befreien.

 

 

Markus Ostermairs Roman „Der Sandler“ handelt von der Scham des sozialen Abstiegs - und diese Scham macht die Betroffenen schweigen. Der Sandler ist deshalb eine fiktive Geschichte, die Obdachlose ins Zentrum stellt und trotz aller Fiktion ein realistisches und vielschichtiges Bild ihres Alltags auf den Münchner Straßen vermittelt. Einer von ihnen ist Karl Maurer, der durch die Stadt mäandert, Suppenküchen und Kleiderkammern besucht. Manchmal wird er von den Bildern seines früheren Lebens eingeholt. Gleichzeitig durchstreift auch sein Freund Lenz die Stadt auf der Suche nach ihm. Lenz, ein Zettelschreiber und Utopist, merkt, dass es mit ihm zu Ende geht.

 

 

Beginn jeweils 19:30

Eintritt (außer am 01.10.) 8,- / 5,- / 1,-

 

17.09. Landolf Scherzer, Hans-Dieter Schütt: Weltraum der Provinzen

Moderation: Frank Quilitzsch

 

01.10.  Yvonne Andrä und Stefan Petermann: Jenseits der Perlenkette - Geschichten aus den

kleinsten Dörfern Thüringens – Lesung und Ausstellungseröffnung

Eröffnung und Moderation: Petra Fuchs

Musik: Matthias von Hintzenstern

 

05.10. Lukas Rietzschel: Raumfahrer

Moderation: Mario Osterland

 

06.10. Anke Stelling: Schäfchen im Trocknen

Moderation: Angela Egli-Schmidt

 

08.10. Judith Hermann: Daheim

Moderation: Dr. Frank Simon-Ritz

 

11.10. Deniz Ohde: Streulicht

Moderation: Gorch Maltzen

 

21.10. Markus Ostermair: Der Sandler

Moderation: Stefan Petermann

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